Photo by Andrej Marffy

Das Klangparadies im Grooveschüttelbecher

Manchmal braucht es nicht mehr als zwei Trommelstöcke und das Schicksal eines Menschen ist besiegelt. «Mein Vater war Amateur-Schlagzeuger, hatte aber schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gespielt. Eines Tages schnappte ich mir die Trommelstöcke, die er zur Seite gelegt hatte», berichtet Norbert Pfammatter, der heutzutage zu den wirklich eigenständigen Persönlichkeiten unter den Jazz-Drums-Koryphäen gezählt werden darf.

Wenn Norbert Pfammatter über seine Faszination für den Jazz, den er zuerst am TV dank Übertragungen aus Montreux entdeckte, spricht, fallen Stichwörter wie “Interplay”, “Freiheit”, “Sound”, “Moment” und “Gestaltung”. Tatsächlich lässt sich aus diesen Stichwörtern eine ziemlich genaue Beschreibung seines gleichermassen dynamischen und detailverliebten Spiels destillieren: Mit einem stark ausgeprägten Klangbewusstsein und viel Freiheitsliebe gestaltet Pfammatter den Moment, lässt dabei aber die Interaktion mit seinen Mitmusikern nie zu kurz kommen. Mit anderen Worten: Hier ist ein Schlagzeuger am Werk, der jeder Band seinen Stempel aufzudrücken vermag, ohne sie zu erdrücken. 

Nachhaltig geprägt wurde Norbert Pfammatter durch sehr unterschiedliche Meister perkussiver Ausdruckskraft. Beim ersten Jazzkonzert (Cedar Walton Quartet), das er besuchte, sass Billy Higgins am Schlagzeug: «Ich habe nichts verstanden, war aber total berührt.» Das Studium bei Billy Brooks an der Swiss Jazz School in Bern bezeichnet Pfammatter als Glücksfall. Der Afro-Amerikaner Brooks war kein herkömmlicher Lehrer, sondern eine Mischung aus Groove-Genie, Schamane und Naturereignis – dass es hierzulande keinen eklatanten Mangel an guten Jazzschlagzeugern gibt, ist zu einem ganz grossen Teil auf sein Wirken zurückzuführen (dass Pfammatter auch in seiner Rolle als Lehrer in vielerlei Hinsicht an Brooks anknüpft, versteht sich von selbst). Eine weitere prägende Erfahrung für Pfammatter waren die Solokonzerte von Pierre Favre, die ihm eine neue Klangwelt eröffneten.

Und so ist Norbert Pfammatter im Laufe der Jahre zu einem phänomenalen Polyrhythmiker herangereift, der das Klangparadies im Grooveschüttelbecher kultiviert - und seine Ohren stets offen hält für neue Entdeckungen. So bleibt er bei der Aufzählung von Kollegen, die ihn beeindrucken, nicht bei den “Alten Meistern” (u.a. Max Roach, Elvin Jones, Paul Motian, Ed Blackwell und Jack DeJohnette) stehen, sondern nennt auch jüngere Drums-Exponenten wie Nasheet Waits, Marcus Gilmore und Jorge Rossy. Und so pflegt er auch in der Praxis nicht nur langjährige musikalische Beziehungen (an erster Stelle ist hier seine kongeniale Kooperation mit dem Bassisten Bänz Oester zu nennen, zum Beispiel im Trio und Quartett des Saxofonisten Donat Fisch), sondern ist auch auf den Austausch mit der neuen Generation erpicht. Besonders intensiv war in den letzten Jahren die Konzerttätigkeit mit dem Quartett der Sängerin Elina Duni, das durch Colin Vallon (Klavier) und Patrice Moret (Bass) vervollständigt wird; aber auch die Mitarbeit in der Gruppe Kerouac des Saxofonisten Michael Jaeger verdient in diesem Zusammenhang eine Erwähnung.

Text: Tom Gsteiger